Der Wiener Zentralfriedhof wurde 1874 eröffnet und erstreckt sich über 2,5 Quadratkilometer. Er ist der zweitgrößte Friedhof Europas und eine der Begräbnisstätten mit den meisten Bestatteten weltweit — über 2,5 Millionen Menschen ruhen hier, mehr als Wien heute lebende Einwohner zählt.
Doch was diesen Friedhof weltberühmt macht, ist nicht seine Größe, sondern seine Bewohner. In der Gruppe 32A, den Ehrengräbern, hat Wien seine stolzesten Söhne und Töchter vereint — Musiker, Dichter, Wissenschaftler, Staatsmänner — als sollten sie auch nach dem Tod Nachbarn bleiben.
Wer die Gruppe 32A betritt, blättert gleichsam in einem dreidimensionalen Lehrbuch der abendländischen Musikgeschichte. Jeder Grabstein ist ein Kunstwerk, jeder Name hat einst Zuhörer auf der ganzen Welt in Atem gehalten.
Auf dem weißen Obelisken prangt eine goldene Harfe, ringsum liegen frische Blumen. In seinen letzten Jahren fast vollständig taub, schuf Beethoven in der Stille die erschütterndsten Werke der Musikgeschichte. Sein Grabstein ist schlicht und kraftvoll — wie seine Musik bedarf er keiner Verzierung. Der Name allein ist Unsterblichkeit.
Die Blumen vor seinem Grab sind nie versiegt. Seit zweihundert Jahren erinnern sich die Menschen, ihn zu besuchen.
Schubert wurde nur 31 Jahre alt, hinterließ jedoch über 600 Kunstlieder. Zu Lebzeiten verarmt, wurde er nach seinem Tod neben seinem Idol Beethoven beigesetzt — die höchste Ehrerweisung der Wiener. Das Reliefporträt auf seinem Grabstein ist zärtlich und wehmütig, ganz wie jene Melodien in seiner Musik, die einem die Tränen in die Augen treiben.
Das Grabmal von Strauss ist das prächtigste der gesamten Ehrengräber. Auf weißem Marmor lehnt eine Göttin an seinem Porträtmedaillon, umgeben von Putten und Instrumentenreliefs. Das Grabmal selbst wirkt wie ein erstarrter Walzer — elegant, prunkvoll, man kann den Blick kaum abwenden.
Mit dem Dreivierteltakt seiner Walzer brachte er ganz Europa zum Tanzen. Selbst hier auf dem Friedhof meint man, die Melodie der Blauen Donau aus den Ritzen des Steins strömen zu hören.
Brahms' Grabmal ist eine nachdenkliche Bronzefigur — mit gesenktem Haupt, als forme er im Geist den nächsten Satz. Unter allen Musikergräbern ist dieses das stillste, das zurückhaltendste — ganz seinem Wesen entsprechend. Brahms lebte ein Leben lang im „Schatten Beethovens", man erwartete von ihm, der Erbe der klassischen Musik zu sein. Er wurde es — nur auf seine eigene Art.
Suppés Grabstein trägt sein Reliefporträt, flankiert von Theatermasken und Lorbeerkränzen. Er war der Pionier der Wiener Operette und ebnete Johann Strauss II den Weg. Wenn Strauss der König des Walzers war, so war Suppé derjenige, der den Tanzsaal errichtete.
Auf Lanners Grabstein wacht ein Engel über sein Reliefporträt. Er begann noch vor der Familie Strauss mit dem Komponieren von Walzern und war einer der wahren Begründer der Wiener Tanzmusiktradition. Die beiden waren einst Partner, wurden später Konkurrenten — doch die Geschichte hat sie am Ende auf demselben Friedhof vereint.
Wilts Grabstein ist eine elegante weiße Stele mit einem runden Reliefporträt in der Mitte. Ihre Stimme hallte einst durch die Wiener Staatsoper — heute ist dieser stille Grabstein die letzte Silhouette, die sie der Welt hinterlassen hat.
Dumba war kein Musiker, doch ohne ihn hätten viele Werke großer Komponisten womöglich nie das Licht der Welt erblickt. Er war Förderer von Brahms und Strauss und bewahrte mit seinem Vermögen die Wiener Musiktradition. Sein dunkler Grabstein ist zurückhaltend und gediegen — wie es sich für alle großen Förderer im Hintergrund gehört.
Im Zentrum der Ehrengräber steht ein Mozart-Denkmal. Doch Mozarts sterbliche Überreste ruhen hier nicht — als er 1791 starb, wurde er auf dem Sankt Marxer Friedhof in einem nicht gekennzeichneten Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Bis heute kennt niemand die genaue Stelle.
Der Wiener Zentralfriedhof errichtete dieses Denkmal, damit die Nachwelt einen Ort hat, an dem sie ihm die Ehre erweisen kann. Ein leeres Grab — und dennoch einer der meistbesuchten Plätze des gesamten Friedhofs.
Was man beim Spaziergang über den Wiener Zentralfriedhof am stärksten empfindet, ist nicht Trauer, sondern Stille.
An einem Apriltagnachmittag fällt Sonnenlicht durch die alten, hohen Bäume und zeichnet ein Spiel aus Licht und Schatten auf die Grabsteine. Eine leichte Brise streicht über die gepflegten Rasenflächen, in der Luft liegt der Duft von Erde und Blumen. Hin und wieder dringt Vogelgesang aus der Ferne herüber, doch meistens hört man nur die eigenen Schritte.
Dieser Ort wirkt nicht wie ein Friedhof, sondern wie ein gewaltiger Garten. Zwischen den Grabsteinen blühen Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht, rostbraune Schmiedeeisenzäune schimmern warm im Sonnenlicht. Jeder Grabstein wird sorgsam gepflegt — jemand kommt regelmäßig, um Blumen zu wechseln, die Steine zu reinigen und alles in Ordnung zu halten. Seit über zweihundert Jahren haben die Wiener ihre Nachbarn nie vergessen.
Beim Gehen drehte ich mich noch einmal um. Die Kuppel der Kirche leuchtete vor dem blauen Himmel, die Lindenallee erstreckte sich schnurgerade bis zum Horizont.
Auf diesem Friedhof ist der Tod kein Ende, sondern eine andere Form des Seins. Beethovens Schicksal klopft noch immer an die Tür, Schuberts Lieder strömen noch immer dahin, Strauss' Walzer drehen sich noch immer. Ihre Musik hat die Grabsteine längst verlassen und lebt im Herzen eines jeden, der sie je gehört hat.
Doch hierher zu kommen, vor ihnen zu stehen und in dieser Stille einen Augenblick innezuhalten — das ist das besonderste Geschenk, das Wien seinen Reisenden macht.
Es gibt Orte, die muss man gesehen haben, um zu verstehen:
Warum Wien die Hauptstadt der Musik ist.
Nicht wegen des Goldenen Saals — sondern weil selbst der Friedhof ein Konzert gibt.